Heimweh nach Afrika

Beim Sprechtraining für eine Südafrikanerin blieb in den letzten Wochen immer mal wieder Zeit, um über das Heimatland meiner Schülerin zu reden: Geschichte, Kultur, sprachliche Eigenheiten, Land und Leute, schöne Plätze aber auch Befremdliches und Schwieriges aus Südafrika. Vieles wurde mir sehr lebendig und faszinierend vor Augen gemalt.

In der vorletzten Woche bekam ich eine Nachricht von einem Freund, der in Uganda eine Schule für Aidswaisen aufgebaut hat. In seiner Mail berichtet er, welch dramatische Auswirkungen COVID 19 und die darauf folgenden Entscheidungen der politischen Machthaber für diese Schule, den Leiter, die Lehrer und die vielen Kinder haben. Innerhalb weniger Tage mussten Anfang Juni alle Kinder die Schule verlassen, erneut für unbestimmte Zeit. Die Kinder, denen die Schule einen sicheren Platz und Bildung auf sehr gutem Niveau bietet, reisen tagelang auf beschwerlichen Wegen zurück in ihre Dörfer, in äußerst instabile Verhältnisse und zerrüttete Familien. Wer bewahrt diese Teenager, welche in den Dörfern von den daheimgebliebenen, gelangweilten Jungen und Mädchen sehr wahrscheinlich in Versuchung geführt werden? Es ist zu befürchten, dass es viele weitere ungewollte Schwangerschaften geben und man noch mehr Mädchen durch Kinderheiraten verlieren wird. Ich lese diesen Bericht, bin erschüttert, berührt, fühle für diese Situation und mein Herz betet und weint um diese Kinder – als ob ich selbst es bin, die sie im Stich gelassen hat.

Letzten Samstag waren wir endlich mal wieder bei Nachbarn eingeladen. Ein schöner Grillabend auf der Terrasse, gute Gespräche, sechs fröhliche Kinder zwischen vier und vierzehn Jahren toben um uns herum. Das Nachbarpaar ist einfach wunderbar: Sie waschechte Wuppertalerin, er der fröhlichste Kameruner, den man sich denken kann – wenn er lacht, strahlen seine Augen im dunklen Gesicht und irgendwie geht einem die afrikanische Sonne im Herzen auf. Hell und sehr wärmend. Wir reden viel über Afrika und obwohl wir auch hier die Probleme des Kontinents nicht ausklammern, schwärmt unser Nachbar dennoch und sagt: „Ich bin selbst Afrikaner, aber ich kann nicht anders, ich finde Afrika so wahnsinnig toll, ich lieeeeeeebe es einfach.“ Und ich sitze mit meinem Mann da und wir wagen es fast nicht auzusprechen, dass wir es bisher nicht geschafft haben, den afrikanischen Kontinent zu bereisen. Wir spüren in den Worten des Nachbarn eine Energie, die am liebsten sofort alle unsere Pläne für den Urlaub über den Haufen schmeißen würde. Ab nach Südafrika, Uganda oder Kamerun – egal, Hauptsache Afrika. Endlose Weiten, braungrünes Savannengras, Giraffen, die langsam zum Wasserloch ziehen, Trommeln, farbenprächtige Lebendigkeit auf Plätzen und Straßen. Einfach nicht zu fassen, aber wir haben für den Sommer tatsächlich „nur“ Ostfriesland gebucht. Wie konnten wir!

Was mache ich nun mit diesen Mosaiksteinen aus Afrika? Den Berichten, den traurigen, verzweifelten Nachrichten, den lebendigen Erzählungen – mit all dem Fremden, das dennoch so vertraut klingt? Was mache ich mit dem plötzlichen Heimweh nach Afrika, auch wenn ich noch nie da war? 

Ich lasse ganz langsam die Sehnsucht in mein Herz. Den Zauber, das Fremde, das Andere. Ich werde selbst zum unentdeckten Kontinent, fange an, das Ursprüngliche, das Lebendige, die Farbe, das volle Leben zu suchen – voll Erwartungen, aber auch mit Angst und Bangen. Es ist die Sehnsucht, endlich heimzukommen, anzukommen. In mir wird die Neugier geweckt, mich eines Tages herausfordern zu lassen, meinen engen Radius der letzten Jahre zu verlassen und aufzubrechen zu neuen Abenteuern. Schauen, was möglich ist: auf Reisen, bei unterstützenswerten Projekten oder in meinem Umfeld hier zu Hause in Wuppertal. Veränderung riskieren. Suchen, um zu finden. Jeder kennt diese Sehnsucht, diesen Wunsch. 

Jeder hat mal Heimweh nach Afrika.

Jeder hat mal Heimweh nach mehr, nach etwas Größerem. 

Und jeder hat mal Heimweh nach Gott. Denn unser ganzes Leben ist ein Weg hin zu ihm. 

Gott wartet auf mich. Er wartet auf dich. Er möchte dir einen weiten Blick, dazu Mut und Kraft für den nächsten Schritt schenken. Und deinem Leben vielleicht ein bisschen mehr „Afrika“. Vielleicht geht es in eine neue Richtung, hin zu einem bisher unentdeckten Kontinent. 

Vielleicht geht es dann endlich nach Hause, vielleicht begegnet dir das Leben. Vielleicht wird deine Sehnsucht gestillt und du kommst an den Ort, an dem du zufrieden, geborgen und unendlich sicher bist: 

an das Vaterherz Gottes.

Endlich heimkommen!

Ich habe Heimweh nach Afrika.

Du auch?

Jabez betete zum Gott Israels: »Segne mich doch und erweitere mein Gebiet! Sei bei mir in allem, was ich tue, und bewahre mich vor allem Kummer und Schmerz!« 

Und Gott erfüllte ihm seine Bitte.

1. Chronik 4,10 

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