Vom Unterwegssein, Suchen und Finden

Als mein Mann und ich uns vor bald 24 Jahren kennen lernten und uns gerade erst ein paar wenige Tage kannten, kam er mich in meiner kleinen Stuttgarter Wohnung das erste Mal besuchen. Direkt vor meiner Wohnungstür war im Hausflur mein Fahrrad abgestellt, es gab nirgendwo einen anderen Platz im Haus, wo ich es hätte parken können. Nie werde ich seinen Blick vergessen, als er das Fahrrad zur Gesicht bekam: Erleichterung und Freude zeichneten sich ab. „Volltreffer! Sie fährt gerne Fahrrad! Ein gemeinsames Hobby!“ muss er gedacht haben.

In den Monaten und Jahren die folgten, waren wir dann tatsächlich an den Wochenenden öfters auf zwei Rädern unterwegs. Stuttgart, Tübingen, der Nordschwarzwald, der Bodensee. Längere Radreisen führten uns an der Donau entlang nach Wien, über die Alpen nach Italien oder wir begleiteten die Moldau und die Elbe von Prag bis nach Hamburg.

Wir liebten diese Form der Auszeit vom Alltag: Kaum Ablenkungen. Nur die Konzentration auf die Streckenführung. Auf Hunger und Durst, auf Übernachtungsmöglichkeiten und Muskeln, die schmerzten. 

Dazu nur wenig Gepäck. Gerade einmal zwei Taschen links und rechts am Rad. Absolute Beschränkung auf das Notwendige. 

Und Zeit.

Stunden und noch mehr Stunden mitten in Sonne, Wind und Regen. Vorbei an Städten, Dörfern und Landschaften, von deren Existenz und Schönheit wir bis dahin keine Ahnung hatten.

Mittlerweile haben wir zusätzlich die Langsamkeit entdeckt und gehen gerne wandern. Lange und schwierige Strecken laufen wir oft schweigend. Das Wandern hält den Körper beschäftigt. Andere Strecken reden wir gerne. Über uns, die Familie, die Natur, die Arbeit, den Glauben.

Nebeneinander her zu gehen, tut jedem Gespräch gut. Und überhaupt ist Wandern die Chance, ein Gespräch auch mal zu Ende zu führen.

Die drei Weisen aus dem Morgenland stelle ich mir als Wanderer vor.

Sie sind Menschen auf dem Weg. Sie tragen eine tiefe Sehnsucht in sich.

Die drei Weisen wollen Antworten auf ihre Fragen finden. Antworten, die sie wirklich weiterführen.

Dafür nehmen sie viele Anstrengungen und Gefahren in Kauf. Sie sehen den hellen Stern am Himmel und machen sich auf den Weg.

Sie machen sich auf zum neugeborenen König der Welt.

Die Weisen werden für mich zu weisen Ratgebern für das Leben.

Denn mit dem Körper nähert man sich Gott auf andere Weise als mit dem Intellekt.

Der Glaube ist keine Idee und keine Lehre, die es zu befolgen gilt und die Jesus auf Distanz hält.

Glaube ist ein Tun. Unterwegssein. Ein Weg.

Eine Er-FAHR-ung.

Glaube zieht hinein in eine Beziehung.

Und tatsächlich ist es doch so, dass man erst im Unterwegssein wirklich begreift, warum man unterwegs ist.

Ich wünsche dir, dass auch du nicht das Ziel deines Lebens aus dem Blick verlierst. 

Ich wünsche dir die Kraft, das zurückzulassen, das dich hindert auf deinem Weg.

Gott ruft dich.

Er stellt auch dir seinen Stern der Wegweisung vor die Augen.

Er lässt dich mehr sehen, als nur, was offensichtlich ist.

Er legt seine Hand auf deine Schulter und gibt dir die Kraft zum Aufbrechen und Loslassen.

Vertraue dem Kind in der Krippe zusammen mit den Weisen deine Schätze an:

Bring ihm deine Sehnsucht, deine Schwäche, deine Träume.

Bring ihm deine Bequemlichkeit, deine scheinbare Sicherheit, deine Angst vor dem Fremdem.

Bring ihm dein grenzenloses Vertrauen. 

Befiehl ihm dein Leben an.

Bei ihm bist du gut aufgehoben.

Bei ihm bist du angekommen.

Zu Hause.

Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut und gingen in das Haus und sahen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.

Matthäus 2,10

FOTO: unsplash / Tim Foster
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