Seit ich dich kenne

Jährlich erzählte meine Mutter, wie der Tag der Geburt von uns Kindern war.

Ich habe es geliebt.

Damals, in den Siebzigern, wusste man tatsächlich noch nicht, ob man in wenigen Stunden einen Jungen oder ein Mädchen in den Armen halten wird.

Damals durften die Väter bei der Geburt nicht dabei sein.

Doch damals wie heute war das Glück nach dem Schmerz riesengroß und überwältigend.

Heute Abend, am Abend vor dem Geburtstag meiner ältesten Tochter bin ich wieder ganz da. Ganz drin.

Am Vorabend des 9. Juli 2006.

Wir haben eigentlich noch 8 Tage Zeit bis zum errechneten Termin.

Aber sie will schon zur Welt kommen.

Einfach ein bisschen früher, um nichts zu verpassen.

Mitten in das Fußballsommermärchen 2006.

Das Endspiel schauen wir zusammen.Da war sich der Vater des Kindes ziemlich sicher.

Und er sollte recht behalten.

Beim Spiel in Stuttgart um den dritten Platz der WM sitze ich vor dem Fernseher und spüre:

Das wird was. Da ist Bewegung drin. Das Kind wird heute Nacht noch kommen.

So gerät der Sieg der deutschen Mannschaft fast zur Nebensache und sollte nur die Kulisse für unser persönliches, wunderschönes Familienmärchen bilden.

Wir legen uns noch etwas schlafen, denn das Kind scheint noch mal Kraft tanken zu wollen.

Das heißt, mein Mann schläft, ich nicht.

Ich liege da und beobachtete hellwach jede Regung in mir.

Irgendwann weiß ich: Jetzt müssen wir los. Ab in die Klinik. Schnell den Ehemann wecken.

Der muss sich erst rasieren, um 2 Uhr nachts. Soviel Zeit muss sein.

Ich will meiner Tochter schließlich ordentlich gegenüber treten.

Dann klingelt er Sturm an der Tür der Nachbarn und reißt sie aus dem Schlaf.

Damals ist der Besitz eines eigenes Autos doch noch völlig unnötig!

So brausen wir mit unserem lieben Nachbarn Ulrich als Chauffeur im roten Renault Rapid durch die Stuttgarter Innenstadt und mitten durch die Fanmeile.

Und diese Bilder bleiben wohl bis an mein Lebensende lebendig: Jubelnde, feiernde, fröhliche, flaggenschwenkende Menschenmassen, die unseren Weg zur Klinik säumen.

Ich nehme das sehr gerne ganz persönlich als Zuspruch für das Kommende.

Eine schnelle, eine leichte Geburt. Und dann ist sie da.

Unser Mädchen. Unsere Victoria.

Etwas zerknautscht und so unfassbar schön und perfekt darf ich sie an mein Herz legen.

Endlich, nachdem ich sie schon Monate davor fest in mein Herz geschlossen habe.

Morgen wird sie vierzehn Jahre alt.

Vierzehn Jahre des absoluten Glücks.

Ich schaue sie an. Staunend. Über ihre Schönheit.

Über ihr großes Herz. Über ihre Gedanken. Über ihren Mut.

Über die langen, lockigen Haare und die noch längeren Beine.

Über ihre Augen. Über ihre Tränen und ihren Schmerz. Über ihre Lebenslust und ihre Energie. Über ihre Gaben, die sie mitbekommen hat. Die unglaubliche Geschicklichkeit, Beweglichkeit und Kreativität. Ihre Sensibilität. Und ihre Fantasie.

Wir beide sind uns sehr ähnlich. Nicht nur äußerlich. Diese Tochter spiegelt mich so sehr, dass ich manchmal achtgeben muss, dass ich uns beide nicht verwechsle. Ich schaue sie an und frage mich, ob ich auch so war als Mädchen.

Jetzt wird sie groß und streckt ihre Flügel aus.

Heute am Vorabend ihres Geburtstages, freue ich mich auf jeden weiteren Abend in den kommenden Jahren, an dem ich noch an ihrem Bett sitzen werde.

Ihr Gute Nacht sagen darf. Sie segnen darf.

Ich werde jeden Augenblick ins Herz schließen, wo wir uns nah sein können und dürfen.

Meine geliebte Tochter.

Durch sie ist mein Leben so reich und tief geworden, wie ich es nie erahnt habe.

Mit ihr und durch sie durfte und musste und wollte ich wachsen.

Mich verändern. Mich entwickeln.

Mutter sein – die größte Herausforderung.

Mein größtes Glück.

So oft meine größte Verunsicherung.

Victoria.

Happy Birthday!

Seit ich dich kenne,

trage ich

Glück im Blick.

 

 

Foto: unsplash | Tova Matilda Töland

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