Meine Großmutter

Vor 93 Jahren wurde meine Großmutter geboren.

Am 24. Mai 1924. Rosa Luise wurde sie genannt. Man erzählt sich, dass mein Urgroßvater auf dem Weg zum Standesamt in aller Aufregung die Vornamen des kleinen Mädchens verwechselte. Urgroßmutters Wunsch war: Luise Rosa. Aber so: keine Luise! Eine Rosa!

Meine Oma Rosel.

Bauernkind, Bauersfrau, einen großen Hof verwaltend. Im dritten Reich zur jungen Frau herangewachsen. Den Bruder, den Hoferben, im Krieg verloren. Damit auch den Glauben an einen gütigen Gott. Später, unter den Kommunisten, viele Kompromisse eingehen müssend. Und immer schwer arbeitend. Große, kräftige Hände, starke Arme. Wundervolle Köchin und noch bessere Bäckerin. Mit meiner Mutter kam sie nicht zurecht. Und meine Mutter nicht mit ihr. Zu verschieden. Meine Mutter mochte keine Hofarbeit, meine Mutter mag Bücher. Doch mich hat sie geliebt und ihr Leben lang verwöhnt – die einzige Enkelin. So bedingungslos und verschwenderisch wie Großmütter in ihrer Liebe sind.

Ich sehne mich an manchen Tagen sehr nach dieser Oma. Nach der großen Freiheit auf dem Land. Nach unbeschwerten Ferientagen. Vielleicht nach der Kindheit.

Was an Liebe von ihr mir ward, ich konnte es ihr nicht vergelten.

Wer kennt als Kind schon den Wert dieser Gabe?

 

 

Foto: privat

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